24.11.07

November 25, 2007

Also dann will ich euch mal von unserem Straßenkinderprojekt berichten. Dieses Projekt wird von Unicef finanziert und soll den Straßenkindern ermöglichen zur Schule gehen zu können oder eine Ausbildung anzufangen. Clotilde, Bienvenu und ich waren insgesamt 4 Tage auf der Straße und haben mit ca. 70 Straßenkindern gesprochen. Wir sind alle möglichen Stellen im Zentrum abgelaufen und haben jedes einzelne Kind befragt. Fragen wie: Hast du noch deine Eltern? bist du schon mal zur Schule gegangen? seit wann bist du auf der Straße? wo schläfst du? was willst du gerne in deiner Zukunft machen, warum bist du auf der Straße. Alle Antworten haben wir in ein kleines Heft geschrieben um bei der nächsten Befragung die Antworten vergleichen zu können. Man muss ziemlich vorsichtig sein, denn es ist oft so, dass die Kinder nicht die Wahrheit sagen. Wenn wir also sichergehen konnten das die Geschichte stimmt haben wir ihnen vorgeschlagen zu helfen. Das gestaltet sich ziemlich schwer, weil die Kinder sehr ungeduldig sind und gerne sofort Resultate sehen möchten. Als wir beim zweiten Mal wieder einen neuen Termin mit ihnen ausmachen wollten haben sie angefangen zu schimpfen und meinten wir würden sie ja nur aushorchen wollen, aber am Ende doch nichts für sie tun. Ich denke es gab schon zu viele Leute die durch die Gegend gelaufen sind um ihre Storys schreiben zu können, den Kindern aber nie wirklich geholfen haben. Ich kann gut verstehen, dass sie da misstrauisch sind. Unser letzter Termin (vorerst) war am Dienstag. Wir haben einen kleinen Raum im Centre Culturel Francais reserviert um in Ruhe und ohne Schaulustige mit den Kindern reden zu können. Teilweise sind die Geschichten schockierend, teilweise einfach nur traurig. Ich frage mich wirklich was sich die Eltern dabei denken ihre Kinder zum betteln auf die Straße zu schicken, anstatt sie zur Schule gehen zu lassen. Manche sind schon seit 12 Jahren auf der Straße und somit auch schon zu alt um zur Schule zu gehen. Die meisten kommen aus dem Landesinneren wie z.B. Gitega und Ngozi. Sie sind aus den verschiedensten Gründen in die Hauptstadt gekommen. Manche wollten einfach mal was anderes sehen, manche waren krank und haben hier in Bujumbura auf Hilfe gehofft, manche kommen aus so armen Familien, dass sie es zu Hause nicht mehr ausgehalten haben und sich jetzt durch Betteln über Wasser halten und andere wurden zu Hause schlecht behandelt, weil der Vater eine neue Frau hat die die Kinder aus erster Ehe nicht leiden kann. Das  größte Problem ist nun den Kindern verständlich zu machen, dass es eine bessere Zukunft gibt als das Leben auf der Straße. Viele wissen das auch, aber sie haben keine Vorstellung davon wie sie diese Zukunft erreichen können. Uns war es ganz wichtig, dass die Kinder freiwillig zu uns kommen. Wenn man sie einfach mitnimmt ins Heim um von dort aus weitere Maßnahmen einleiten zu können ist es meistens der Fall das sie am nächsten Tag mit neuen Klamotten wieder abhauen und erneut auf der Straße sind. Also haben wir ihnen genau erklärt wo unsere Heime sind und sie eingeladen zu kommen. Nur wer aus freien Stücken kommt ist auch wirklich gewillt etwas zu ändern. Diejenigen die nicht aus der Umgebung kommen wollen wir nach Hause begleiten um dort mit den Familien zu sprechen und sie, wenn Armut der Grund für das Leben auf der Straße war, mit Mikro-Krediten zu unterstützen. Da wir in Ngozi und Gitega auch Zentren haben wo Ausbildungen angeboten werden, können die Älteren dort in die Lehre gehen. Eine andere Möglichkeit ist es Gruppen von ca. 5 Jungen Männern oder Frauen zu bilden, die ein kleines Gewerbe aufmachen. So können sie zusammen ein kleines Restaurant oder einen Frisörsalon eröffnen. Dazu bekommen sie von uns finanzielle Unterstützung. Vor Ort ist dann natürlich auch immer ein Ansprechpartner, bzw. jemand der die ganze Sache beaufsichtigt und die Finanzen kontrolliert. Das gleiche gilt für die Familien, die finanzielle Unterstützung bekommen, um die Kinder zur Schule schicken zu können. Sie sollen regelmäßig besucht werden und genau Buchführen über ihre Ausgaben. Das alles ist so wahnsinnig aufwendig und kompliziert, ihr könnt euch vorstellen, dass das nur funktionieren kann wenn alle die an dem Projekt mitarbeiten gewissenhaft und verantwortlich handeln, die Betroffenen wie auch die „Betreuer“.

Wir hätten am Anfang auch gar nicht geglaubt, dass so viele Kinder mitmachen würden. Bis jetzt sieht es so aus, dass wir 35 neue Kinder in Kanyosha und 6 bei und im Heim untergebracht haben. Die meisten sind natürlich nur übergangsweise dort, bis wir mit den Familien gesprochen haben und/oder die Kinder wieder nach Hause ins Landesinnere bringen können. Dafür muss aber natürlich vorort auch alles geregelt sein. Zudem müssen wir uns, bevor wir Finanzielle unterstützung geben können, darüber im Klaren sein, das die Kinder und Familien wirklich mitarbeiten wollen und nicht das Geld für irgendwelchen Unsinn ausgeben und die Kinder nach ein paar Tagen wieder hier runter nach Bujumbura kommen. Es ergeben sich ungeahnte Probleme, weil die beiden Heime dadurch im Moment total überlastet sind. Es müssen provisorische Betten her oder die Kinder teilen sich zu dritt ein Bett und die Essenrationen müssen erhöht werden. Wir haben einfach nicht damit gerechnet das sooooo viele unsere Hilfe annehmen. Zudem sind es nicht nur gesunde Jungs die wir aufgenommen haben, sondern auch Behinderte und vor allem Mädchen. Die Mädchen sind zurzeit noch im Straßenkinderheim in Knayosha. Morgen werde ich einen großen Teil von ihnen gemeinsam mit Bienvenu, dem Heimleiter dort, zu ihren Eltern begleiten um die ersten Familiengespräche zu führen. Für diejenigen die keine Eltern mehr haben, werden wir ab dem 1.Dezember ein Haus mieten in der Stadt. Vielleicht kann ich sogar dort mit einziehen das steht aber noch nicht fest.

Einem Behinderten Jungen konnten wir helfen, indem wir ihn bei uns im Heim die Schneiderlehre machen lassen. Er hat nur ein Bein, seine Eltern leben beide noch. Durch die Behinderung und die Armut seiner Eltern war er jedoch gezwungen betteln zu gehen. Er ist 18 Jahre alt und zu alt um mit der Schule anzufangen. Jetzt kommt er unter der Woche zu uns ins Heim und am Wochenende ist er bei seinen Eltern. Wir werden uns jetzt also erstmal um die Reintegration derer kümmern, die schon in den Heimen sind. Wenn wir das geschafft haben und es gut läuft werden wir wieder auf die Straße gehen und neue Kinder motivieren. Ich bin sehr gespannt wie es wohl weiter geht und ob wir unsere Ziele erreichen können. Die Kinder wollen fast alle wieder bzw. zum ersten Mal in die Schule gehen und sind größtenteils sehr umgänglich. Es ist so super interessant ihre Geschichten zu hören und sich mit ihnen zu beschäftigen. Leider habe ich mit der Verständigung so meine Probleme und muss mir fast alles übersetzten lassen, weil sie fast alle nur Kirundi sprechen. Französisch lernt man hier eben erst in der Schule und genau dorthin wollen wir sie ja erst bringen.

Heute ist Martina angekommen, sie ist grade mit Verena zur Schule gefahren und die Vortschritte am Bau zu begutachten. Sie bleibt 5 Tage bei uns. Es gibt viel zu besprechen. Ich freue mich auf die gemeinsame Zeit hier.

Im Moment sind wir ganz fleißig dabei den Adventskalender für die Kinder zu basteln, ganz schön viel arbeit für fast 70 Kinder!! Wir haben auch schon angefangen mit den Kids für Weihnachten zu basteln. Bald werden wir dann auch die ersten Plätzchen backen. Hier ein ganz großes Dankeschön an meine Mama, meinen Papa, meine Oma, meine Tante und Gabi die uns so tolle Bastelsachen geschickt haben!! Ohne euch wäre die ganze Aktion gar nicht möglich. Es gibt so Sachen eben nicht zu kaufen hier. Esther meine süße, vielen vielen Dank auch für die Sachen die du Martina für mich mitgegeben hast!! Die Plätzchen werden jetzt noch schöner. Die CD werde ich auch gleich heute Abend hören, Psycho muss aber noch bis nach Weihnachten warten *g*.

So Leute, ich wünsche euch schon mal eine tolle Adventszeit, die Weihnachtsmärkte in Köln werde ich bestimmt vermissen, schade das hier nicht so richtig Weihnachtsstimmung aufkommt….bei dem Wetter. Tschau und bye bye, Eure Nadine

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