Es fällt mir im Moment ein bisschen schwer zu schreiben, weil ich so viele Dinge erlebe. Eigentlich bin ich in letzter Zeit fast nur noch mit Bienvenu in Buterere. Dort kümmern wir uns um die Familien die wir mit den Microkrediten unterstützen. Letzte Woche Mittwoch sind wir morgens hingefahren um noch einige Kinder einzuschulen. Als wir ankamen wurden wir von einer älteren Frau angesprochen. Sie teilte uns mit, dass ihr Neffe am Morgen gestorben ist. Sie sprach von dem Jungen der immer vor unserem Büro auf mein Motorrad aufgepasst, die Menschenmengen vor dem Büro zerstreut und kleine Botengänge für uns gemacht hat. Er war etwa 19 Jahre alt. Wir vermuten, dass er aidskrank war, genau wissen wir es aber nicht. Seine Familie ist sehr arm und sie haben uns gebeten einen Sarg und die Beerdigung zu bezahlen. Tja und somit haben wir den Morgen wie schon so oft mit anderen Dingen als geplant verbracht. Alle Vorkehrungen für die Beerdigung treffen und die Familie in ihrem Haus besuchen. Dort haben wir den Jungen dann auch gesehen. Er lag auf einer Strohmatte in einem ansonsten völlig leeren Zimmer. Das gesamte Haus war wie eigentlich alle Gebäude in Buterere bis auf ein paar Habseeligkeiten leer. Manchmal frage ich mich, ob ich ihm, wenn ich früher gewusst hätte wie krank er war, hätte helfen können. Aber selbst wenn ich ihn ins Krankenhaus gebracht hätte, wäre vermutlich jede Hilfe zu spät gekommen. Außerdem sind die Ärzte hier ja oft schon mit den einfachsten Krankheiten überfordert. Nun ja das ist jetzt eine Woche her und seitdem ist schon wieder einiges mehr geschehen.
Wir haben neue Kredite verteilt und neue Kinder aufgenommen. Mit vielen Frauen geredet und viele neue Erfahrungen gesammelt.
Im Heim Uranderera haben wir noch ein neues Baby. Sie sind jetzt zu viert. Ein kleiner Junge von ca. 6 Monaten wurde von seinem Vater zu uns gebracht. Die Mutter hat beide sitzen lassen als der Vater seinen Job verlor. Dieser war mit der Situation völlig überfordert. Er kümmert sich trotzdem weiterhin und besucht seinen Sohn regelmäßig. Außerdem wird er für Verena arbeiten. Er ist Koch und kann unsere großen Straßenjungs ausbilden. Wenn sie fertig sind dürfen sie das Restaurant, das sie eröffnen werden, übernehmen.
Im Heim in der Stadt ist auch viel passiert. Es sind ständig neue Kinder dort, die ich aus Buterere mitbringe. Meistens sind es Kinder die krank sind und die wir bei uns aufpäppeln. Heute haben wir ein kleines Mädchen, ich schätze sie auf 9 Jahre, mitgebracht. Wir haben sie in Buterere vor unserem Büro vorgefunden. Die Nachbarn sagten, ihre Mutter sei auf dem Feld, aber das Kind bräuchte Hilfe. Die kleine leidet angeblich unter Epilepsie und ist wie so viele Kinder hier, die unter dieser Krankheit leiden, ins Feuer gefallen. Ihr ganzes rechtes Bein ist schwer verbrannt. Der Unfall muss schon einige Tage her sein. Die großflächigen Wunden sind schlimm vereitert. Heute Nachmittag haben wir das Mädchen unter großen Schmerzen behandelt. Ich hoffe es wird ihr bald besser gehen. Bevor wir mit ihr zurück in die Stadt gefahren sind haben wir die Frauen in ihren Häusern besucht. Wir wollten kontrollieren, ob sie das Geld für Miete und Türen auch wirklich für diese Sachen ausgegeben haben. Bei zwei Frauen war alles in Ordnung, eine hat das Geld jedoch für Arztkosten ausgegeben. Es ist manchmal nicht leicht den Frauen verständlich zu machen, dass sie zu uns kommen sollen wenn sie krank sind, anstatt viel Geld auszugeben um sich wo anders behandeln zu lassen. Eine Mutter haben wir auch schon auf dem Markt besucht. Ihr Stand läuft gut und sie scheint unsere Finanzielle Hilfe gut angelegt zu haben. Alle bezahlen ihren Kredit auch gewissenhaft zurück. Es ist wirklich schön zu sehen, dass die vielen Gespräche jetzt Früchte tragen.
Natürlich müssen wir auch Rückschläge einstecken. Eine Mama ist wohl irgendwie verrückt geworden (das kann hier viel bedeuten…). Sie ist aufs Land zu ihren Eltern gefahren und hat ihren Mann mit neun Kindern zurückgelassen. Er arbeitet auf einem Feld für jemand anderes und verdient ca. 900 Fbu (etwa 70 Cent) pro Tag. Das ist bei weitem nicht genug um die Familie zu versorgen. Hinzukommt, das sich natürlich auch tagsüber keiner um die Kinder kümmert. Der Jüngste ist 1 Jahr alt. Wir haben heute mit dem Vater gesprochen und wollen ihm helfen, indem wir ihm finanzielle Unterstützung geben und die kleinen Kinder bei uns aufnehmen. Wir werden abwarten müssen wann, bzw. ob die Mutter zurückkommt.
Eine von den Müttern wurde auch von ihrem Mann geschlagen. Eigentlich wohnt er längst nicht mehr mit ihr zusammen, aber als er gehört hat, dass sie Geld bekommen hat stand er auf der Matte. Heute kamen dann die Kinder ins Büro und meinten ihre Mama sei sehr krank. Daraufhin sind wir dann aufgebrochen um sie zu besuchen. Anstatt eine kranke Mama haben wir dann eine verunstaltete Mama vorgefunden. Die ganze rechte Gesichtshälfte war dick angeschwollen und Blutunterlaufen. Gott sei Dank waren an dem besagten Tag die Nachbarinnen aufmerksam und konnten schlimmeres verhindern. Sie haben den Mann, Berichten zu Folge, fast zu Tode geprügelt. Eigentlich wollten sie ihn wohl auch umbringen, aber seine Frau war dagegen. Ja so ist das hier. Gleiches wir mit gleichem vergolten. Da kennen die Menschen keine Gnade. Jetzt sind die Nachbarn böse weil die Frau sie aufgehalten hat und sie sagen, dass sie, wenn noch mal so was ist, nicht mehr helfen wollen.
Oft habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich kaum Zeit mit den Kindern im Heim verbringe, aber ich sage mir, das es ihnen ja schon sehr gut geht und das es andere gibt die sehr viel mehr Hilfe benötigen. Ich weiß, dass die Kids bei uns das nicht so richtig verstehen. Sie machen es einem nicht gerade leicht. Schmollende Gesichter sind da keine Seltenheit. Dafür freuen sie sich umso mehr wenn ich mir dann doch unerwartet die Zeit nehme und mich ein bisschen mit ihnen beschäftige. Tja man kann sich leider nicht vierteilen auch wenn ich das hier zu gerne machen würde.
Morgenfrüh ist endlich mal wieder Kindergarten angesagt, am Montag konnte ich nicht wegen Buterere. Nachmittags werden wir dann wieder Kinder einschulen und vielleicht komme ich ja auch endlich mal wieder dazu zu lernen…
Bis dahin
Eure Nadine